
Religionsfreiheit unter Druck: Die Europäische Buddhistische Union und die Zukunft der Rechte in Europa
Auf 9. Mai 2026, Brüssel richten wir die Jahreshauptversammlung der European Buddhist Union aus, EBU, die Vertreter buddhistischer Gemeinschaften aus ganz Europa zusammenbringt. Das diesjährige Thema — “Respekt für die Religionsfreiheit von Buddhisten in Europa” — ist alles andere als symbolisch. Er spiegelt ein wachsendes Bewusstsein wider, dass Glaubens- und Religionsausübungsfreiheit, die lange als Eckpfeiler der europäischen Demokratie galt, nicht mehr selbstverständlich ist.
Europa befindet sich in einer Zeit tiefgreifender Belastungen: bewaffnete Konflikte an seinen Grenzen, eine zunehmende politische Polarisierung im Inneren und das Wiederaufleben nationalistischer Rhetorik und Intoleranz, die den kulturellen und religiösen Pluralismus herausfordern. In einem solchen Klima stoßen selbst Gemeinschaften, die traditionell als stille Präsenzen im öffentlichen Leben wahrgenommen werden – einschließlich buddhistischer Gemeinschaften – auf rechtliche, soziale und kulturelle Hindernisse, die die volle Ausübung ihrer religiösen Identität einschränken.
Was ist Buddhismus ohne Freiheit?
Die zentrale Frage, die die diesjährige Versammlung leitet, ist ebenso einfach wie radikal: Wie kann man seinen Glauben praktizieren, wenn soziale, politische und kulturelle Bedingungen eine Einschränkung – oder gar ein ausdrückliches Verbot – darstellen? Die Frage geht über die in europäischen Verträgen verankerten formellen Garantien hinaus. Sie betrifft die gelebte Realität des Glaubens: die Möglichkeit, offen zu praktizieren, Lehren zu vermitteln, Gemeinschaften zu organisieren und als legitimer Teil des europäischen pluralistischen Gefüges anerkannt zu werden.
Ein wichtiger Moment des Tages wird Zeugnissen von Delegationen gewidmet sein, die die Ukraine, Polen, Griechenland und Ungarn vertreten. In all diesen Kontexten – wenn auch auf unterschiedliche Weise – berichten buddhistische Gemeinschaften von Herausforderungen, die von begrenzter rechtlicher Anerkennung bis hin zu kulturellen Umfeldern reichen, die nicht-traditionellen religiösen Minderheiten weniger aufgeschlossen gegenüberstehen. Ihre Stimmen werden einen greifbaren Einblick in das geben, was es bedeutet, seinen Glauben dort zu praktizieren, wo Pluralismus fragil oder unter Druck stehend empfunden wird.
Einbeziehung der Institutionen
Die Versammlung wird sich nicht auf Zeugenaussagen beschränken. Sie wird auch den Dialog mit europäischen Institutionen und der akademischen Welt fördern. Zu den am meisten erwarteten Beiträgen gehört der von Professor Marco Ventura von der Universität Siena, dessen Forschung sich auf Religionsfreiheit und die Beziehungen zwischen Staaten, der Europäischen Union und Glaubensgemeinschaften konzentriert.
Seine Intervention wird voraussichtlich das aufgreifen, was in der europäischen Rechts- und Politarchitektur unvollendet bleibt: uneinheitliche Rechtsinstrumente, inkonsistente nationale Anwendungen und ein breiterer Mangel an anhaltender politischer Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse religiöser Minderheitengemeinschaften. Die Frage ist nicht nur, ob Rechte auf dem Papier existieren, sondern ob sie wirksam umgesetzt und verteidigt werden.
Ein weiter gefasstes Europa
Diese Zusammenkunft wird mehr als ein Forum zur Äußerung von Bedenken sein. Sie ist auch als Raum für kollektive Reflexion gedacht. Die Diskussionen werden sich um wesentliche Themen drehen: die Bedeutung einer europäischen buddhistischen Identität; die Ausübung des Glaubens unter eingeschränkten Bedingungen; ein nachhaltiges Networking mit EU-Institutionen; und die Rolle der EBU als Brücke zwischen Brüssel und lokalen Gemeinschaften, einschließlich geografisch entfernter oder zahlenmäßig kleiner Gemeinschaften.
Besonderer Schwerpunkt wird auf dem Dialog mit dem, was als das “breitere Europa” beschrieben werden könnte, liegen – verstanden weniger in geografischer oder politischer als in kultureller Hinsicht. Dies umfasst Regionen wie Israel und die Länder am Schwarzen Meer, Gebiete mit alten buddhistischen Traditionen und historischen Verbindungen, die über die heutigen politischen Grenzen hinausgehen.
Das gemeinsame Haus bauen
Letztlich steht nicht nur der Schutz einer bestimmten spirituellen Tradition auf dem Spiel, sondern die demokratische Qualität Europas als Ganzes. Die Wahl Brüssels als Austragungsort hat ein klares symbolisches und politisches Gewicht. Als Hauptstadt der Europäischen Union und Stadt, in der viele Grundrechtsrichtlinien Gestalt annehmen, ist sie auch die natürliche Heimat der EBU.
Hier zusammenzukommen bedeutet, die Stimme der buddhistischen Gemeinschaften Europas in das Herz des Entscheidungsprozesses zu tragen – und zu bekräftigen, dass Religionsfreiheit keine Randfrage, sondern ein Prüfstein für die demokratische Gesundheit ist. In einer Zeit, in der die Idee Europas selbst umstritten ist, strebt die Jahrestagung der Europäischen Buddhistischen Union danach, einen klaren und notwendigen Moment der Besinnung zu bieten: eine Erinnerung daran, dass es ohne Achtung vor Unterschieden – religiösen, kulturellen und spirituellen – kein glaubwürdiges, integratives und zukunftsorientiertes europäisches Projekt geben kann.
Stefano Davide Bettera
Präsident, Europäische Buddhistische Union